Literatur

Hier was zum aufwärmen...


Uns schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht sähst!

2.Mai 2.Mai 2.Mai 2.Mai

Hasenhelm - Heraus zum 2. Mai

Ein sonniger Samstag, ein droehnender Kopf. Nicht Alkohol, Allergie istŽs, was mich schwindeln macht. Muede wanke ich durch den Prenzlauer Berg. Besorgungen muessen gemacht werden. Ploetzlich stoeren Sprechchoere meine Konzentration auf das Wabern in meinem Schaedel: "Wir haben Zeit, Wir haben Zeit!" Zunaechst erscheint mir die Aussage etwas banal, fast schon sinnlos. Natuerlich haben Menschen, die ueber die Strasse laufen und bruellen "Wir haben Zeit" Zeit. Aber vielleicht ist das mittlerweile schon etwas Revolutionaeres. Immerhin hoere und sage ich staendig "Nee, keine Zeit". Geld ist eine knappe Ressource, Zeit ist eine knappe Ressource, Zeit ist Geld und ich kloppe mich mit unzaehligen anonymen Konkurrenten darum. Gut, man sollte Menschen nicht generell als Konkurrenten sehen, es koennten immerhin auch potentielle Kunden unter ihnen sein.

Ich biege auf den Senefelder Platz ein und sehe einen Tross von Leuten auf mich zukommen. Eine Demonstration. Sind das die nimmermueden Ueberreste der gestrigen traditionellen 1.Mai-Umzuege? Hut ab vor soviel Ausdauer! Ob gleich Steine fliegen, Autos brennen, Traenengaswolken den Prenzlauer Berg durchwehen? Einen chronisch humorlosen schwarzen Block kann ich nicht ausmachen, erst einmal nur ein grosses Transparent an der Spitze des Zuges: "Kein Zwang zur Lohnarbeit". Aha, das ist es also - diese Leute wollen nicht arbeiten, sie wollen Zeit. Dann passt es ja auch, dass die den 1. Mai, den Tag der Arbeit, meiden. Das ist dann ja nix fuer die. Nun erkenne ich erste Schilder: "Mein Freund ist Roboter", "Arbeit baeh!", "Fuer den totalen Sonntag", "Auch du koenntest arbeitslos sein", "Urlaub fuer alle", "Abwrackpraemie fuer Arbeitsplaetze", "Arbeit ist heilbar", "Grundeinkommen ist sexy". Gut - die Botschaft ist deutlich: Geld ja, Roboter ja, selbst arbeiten nein. Ich will jemanden fragen, was es mit diesem Grundeinkommen auf sich hat, das angeblich sexy macht. Wer weiss, wozu mir das noch nutzen koennte. Ein paar Menschen in Bademaentel schlurfen an mir vorbei. Ich frage sie nicht. Auch ein paar junge Leute mit "Nicht zustaendig"-Aufnaehern scheinen mir die falschen Ansprechpartner.

Ploetzlich taucht ein Clown neben mir auf und drueckt mir einen Zettel in die Hand. "Kleiner Berufsvorschlag", sagt er. Ich schaue auf den Zettel: "Strassenlaterne". Ich versuche gerade, mich in meinen neuen Job reinzudenken, da hat mich ein anderer Clown am Wickel. Jetzt bin ich "Einweisungsausweiser". "Was verdient man denn da?" frage ich neugierig. Die Antwort geht allerdings in einem Tocotronic-Song unter. "Kapitulation" schallt es aus Lautsprechern. Danach ruft jemand aus einem Wagen: "Wir haben Zeit." "Wir haben Zeit" antworten rund 200 Leute, zu denen immer neue dazustossen, bis es weit ueber 300 sind. "Bei den ersten vier Demos waren es gerade mal hundert", erfahre ich von einem Typen mit Glatze, den ich schon einmal auf einer Lesebuehne gesehen habe. "Jetzt aber sind auch Leute vom Netzwerk Grundeinkommen dabei. Und die Antifa Nordost."

Ich laufe mit. Meine Allergie ist vergessen. Die Atmosphaere ist angenehm: entspannte Polizisten, halbironische Parolen (aus dem negativ formulierten "Keine Macht fuer niemand" wird heute das schoene "Alles fuer alle", gut gelaunte Demonstranten. Am Rand stehen ein paar Menschen mit grossen Sonnebrillen und nippen wohlwollend an iher Biominze. Von einem Balkon in der Kastanienallee werden wir mit Bonbons beworfen. Suess. Bei den Schoenhauser Allee-Arkaden kommt es schliesslich zu einem fast schon religioesen Moment: Alle halten inne und lauschen dem Glatzkoepfigen, wie er ein Gebet spricht. Das Gebet stamme von einem verstorbenen Lesebuehnenkollegen, Michael Stein:

"Arbeit, Geissel der Menschheit.
Verfluchts seist du bis ans Ende aller Tage.
Du, die du uns Elend bringst und Not.
Uns zu Krueppeln machst und zu Idioten.
Und schlechte Laune schaffst und unnuetz Zwietracht saest.
Uns den Tag raubst und die Nacht.
Verflucht seist du!
Verflucht!
In Ewigkeit.
Amen."

Jede Zeile wird laut von allen nachgebetet. Ein paar Einkaufslustige kommen aus den Passagen und drehen rasch wieder um. Andere schauen interessiert herueber. Ein aelterer Herr mit Bart nickt und ruft laut am Ende "Amen". Eine Frau stoesst mich an: "Spuerst du es? Das morphische Feld, das wir gerade geschaffen haben?" Verflucht, denke ich. Die sind ja doch nicht so harmlos. Da ertoent auch schon eine ernste Rede. Macht, Besitz, Privilegien fuer die einen, das Joch der Niedriglohn-Arbeit fuer die anderen. Die Rede endet mit den Worten: "Der Kapitalismus hat viele Gesichter - alle sind Scheisse." Ohrenbetaeubender Jubel bricht aus. Vielleicht bin ich gerade Zeuge einer unwichtigen Albernheit am Rande des Universums, aber irgendwie habe ich so ein komisches Gefuehl. Naja, vielleicht die Allergie.



Ahne - Heraus zum 2. Mai

Wir hatten sowas noch nie gemacht. Also dabei waren wir schon. Als der BFC noch naturgesetzmäßig Meister wurde waren wir dabei. Saßen herum, auf den Schultern unserer Eltern. Spider auf denen seines Vaters, der Kosmonaut war, ich auf denen meiner Mutter, da sich mein Vater, der auch Kosmonaut war, eine andere Mutter gesucht hatte. Enthusiastisch winkten wir dem Zentralkomitee zu, wir wussten ja damals noch nichts von dem ganzen Schlimmen. Davon wusste ja kaum einer was, erst recht nicht wir. Ich war ja gerade erst mal 14 und Spider gerade erst mal... auch. Er ist ja dann erst später jünger geworden. Zurückgeblieben kann man sagen. Ich habe ihn altersmäßig abgehängt. Als wir dann endlich wirklich etwas wussten, waren wir auch wieder dabei, im Herbst '89, wieder auf den Schultern unserer Eltern. Meiner Mutter tut heute noch der Rücken weh. "Wir sind das Volk" riefen wir, und die Anderen machten es uns nach, riefen dasselbe, immer dasselbe. In Berlin jedenfalls. Beim Stille Post spielen bis nach Sachsen kam natürlich etwas anderes bei raus. "Wir sind ein Volk" riefen die plötzlich, einige hatten sogar verstanden "Wir sind ein Volk, ein Reich, ein Führer". Die waren aber total doof. Dis is ja wohl ein viel längerer Satz.

Noch später, im Westen, lernten wir dann, dass es nicht genügt mitzulaufen, zu winken und zu rufen, nein, man muss auch Ketten bilden, Kapuze aufsetzen, auch bei Hitze, und man muss natürlich den Lautsprecherwagen schützen. Auf dem Weg in die Anarchie hieß es viele Gesetze und Gebote zu beachten. Kein Alkohol, nicht durch den Frauenblock laufen, die Dramaturgie nicht stören. Lieder, wie "Ratatatata ich bin ein Panzer" oder "Meine Mutti ist Abteilungsleiter" behindern lediglich die Revolution. Und die Situation war selbstverständlich ernst. Jede Minute konnten die Volksmassen unter Führung des vermummten Lautsprecherwagens die Herrschenden vom Thron stürzen und dann, dann..., na jedenfalls nicht "Meine Mutti ist Abteilungsleiter".

Selbst angemeldet aber hatten wir eine Demonstration noch nie. Uns schwebte ja schon lange sowas im Kopf rum. Die Arbeiter hatten ihren Feiertag, die Frauen, die Verliebten, die Eisenbahner, selbst die Pfandflaschen, oder hatte ich das nur geträumt? Wir sind ja die Liga für Kampf und Freizeit und als solche verpflichtet die Welt besser zu machen. Also gebaren wir eines verregneten Nachmittags die Idee des Internationalen Kampf- und Feiertages der Arbeitslosen aus unseren unterforderten Gebärmuttern. Zum Termin wurde der 2. Mai erkoren, weil der 1. Mai schon vergeben war und am 24. Dezember meine Großmutter Geburtstag hat. Glücklicherweise hat ja am 2. Mai gar keiner Geburtstag, da können zum Glück immer alle kommen, weshalb auch das Abstimmungsergebnis mit 4 Ja-Stimmen, bei einer Enthaltung dementsprechend totalitär ausfiel. Und die Enthaltung, da kriegen wir auch noch raus wer das war!

Das historische Jahr hörte auf den Namen 2005. Zum ersten Mal sollten Menschen in aller Welt demonstrieren für ein Leben ohne Not und gegen den Zwang zur Lohnarbeit. Spontane Zusagen erreichten uns aus Lyon, Zürich, Dresden, Kiel, Luzern, Nancy und Rio de Janeiro, obwohl es mich doch etwas wunderte, dass die Karte aus Rio in Deutschland abgestempelt wurde, naja.

Spider und ich erhielten den Auftrag die Demo in Berlin anzumelden. Also mussten wir uns eine Route zurechtbasteln. Der Plan, durch sämtliche großen Straßen der Hauptstadt zu marschieren und somit den Berufsverkehr vollkommen lahmzulegen erschien uns denn doch etwas zu anstrengend. Außerdem war das eher eine Angelegenheit der Arbeitsgruppe für die Demonstration „Stoppt sinnlose Demonstrationen“. Nein, der 2. Mai sollte kein Kabarett werden. Stein schlug vor, sich im Mauerpark zu treffen um zu meditieren, doch nachdem sich herausstellte, dass kaum jemand wusste, was meditieren überhaupt hieß, beschlossen Herr Spider und Herr Ich einfach auf eigene Faust die Demo-Route festzulegen. Vom Senefelder Platz bis zu den Schön-Schöner-Schönhauser Allee Arcaden und zurück.

Spider hatte geträumt, dass man politische Aufzüge bei jeder Polizeiwache Berlins anmelden könne, und so trafen wir uns eines schönen Morgens um 13 Uhr bei Konopke. Von dort bis zum Revier in der Eberswalder Straße war der Weg kaum zwei Currywürste lang.
Eine Uniformierte empfing uns begeistert: „Demonstration, dafür sind wir hier nicht zuständig, das machen wir hier nicht, da müssen sie zum Platz der Luftbrücke, zur Zentrale.“ Wir standen da wie erstarrt. So eine Mistpocke! Sollte das das Ende sein?! Platz der Luftbrücke, den gab’s doch bestimmt gar nicht, dis war doch garantiert so was Ähnliches wie Wolkenkuckucksheim, Siehstenich, oder Absurdistan. Die hatte doch nur keine Lust zu arbeiten, die Zicke! Aber warum stand sie dann nicht auf unserer Seite? Zum Glück guckte plötzlich aus der Tür noch ein anderer Uniformkopf heraus, der ihre Aussage dezidiert abschwächte. „Demonstration? Wo? Hier? Na dann kommt ma mit.“ Keine 5 Minuten später waren wir beide Verantwortliche im Sinne des Pressegesetzes (V.i.S.d.P.), und ungeheuer stolz. So ging also Demokratie, aha, jetzt hatten wir sie endlich verstanden!

Die Polizei wollte tatsächlich für uns die Schönhauser Allee sperren, allerdings nur, wenn wir, wie angegeben, wirklich 50 Teilnehmer wären. Auch die Benutzung von Megaphon und Diskorollstuhl waren an diese Menge geknüpft. Es hieß also die Massen zu mobilisieren. Wir besaßen ja Verbindungen zu Presse, Funk und Fernsehen aber wollten wir die in Anspruch nehmen? Nö! Wollten wir nicht. Nö, dis wollten wir nicht. Wir setzten voll auf die Mund-zu-Mund-Propaganda. Tube mischte sich unter Raucher und Robert Weber half bei Umzügen mit. So wusste bald das ganze Volk von dem großen Ereignis.

Am 2. Mai gegen 13 Uhr versammelten sich dann dementsprechend auch mehr als 20 Personen am Senefelder Platz. Unter ihnen prominente Show-Größen wie Tarzan, Dr. Flasche und Roger der Puppenspieler. Die Polizei, die uns zur Seite stand, verdoppelte die Teilnehmerzahl noch mal mindestens auf das Doppelte. Um viertel 2 waren wir also fast 49 Anwesende. Trotzdem bestanden die Beamten auf dem kleinkarierten Papierquatsch. Wir sollten auf dem Bürgersteig laufen, dafür dürften wir dann aber Megaphon und Diskorollstuhl benutzen. Ein Kompromissvorschlag. Unsere Antwort darauf hieß: Okay! Wir waren auf Gewalt einfach schlecht vorbereitet und hatten auch eigentlich gar keine Lust. Außerdem, wohin mit den Transparenten? Die waren teilweise unhandlich und entsetzlich schwer. Wichtig für den nächsten 2. Mai, moderne Materialien entwickeln. Ultraleicht aber unzerbrechlich. Vielleicht Schilder zum Aufpusten. Außerdem müssen die Parolen auf unseren Transparenten besser koordiniert werden. Das Wort ‚arbeitslos’ oder ‚Arbeitsloser’ hatte zum Beispiel absolut niemand verwendet, während ‚Rettet die Schneehasen’ oder ‚Gitarren statt Knarren’ am Thema vorbeischrammten. Haarscharf zwar nur, trotzdem. Allerdings ging es uns ja auch um die Bündnisfähigkeit. So gesehen war die Demonstration äußerst erfolgreich. Selbst die Polizei unterstützte uns mit jeder Menge Verbesserungsvorschlägen. „Wollter nich `ne Zwischenkundgebung vor den Arcaden machen, da sind imma ville Leute?“ Oder „Und `ne andre Musik brauchta, eene wo man zu marschieren kann.“ Daraufhin erklärte sich Tarzan umgehend bereit, mit seiner Band ‚Mocca Edel’ 2006 den Soundtrack zur Demo zu liefern. O-Ton: „Dit machick nächstema, hörste, bisschen Ska, kennste Ska, denn Metal, Metal kennste ja wa, und noch Hiphop, hörste Hiphop, dit zusammen mit Marschmusik, dit kommt jut, machick Tarzan übrigens mein Name, anjenehm, Mocca-Edel, Bluesrock, Ost-Berlin!“

Unser Aufzug wuchs zeitweise auf gefühlte 5000 Menschen an Die Polizei spricht von 40, aber das kennt man ja, die Wahrheit liegt immer irgendwo in der Mitte. Einigen wir uns also einfach mal um des lieben Friedens willen auf 2400. Ein Riesenerfolg damit. Er wird Wellen schlagen, der 1. Internationale Kampftag der Arbeitslosen. Schon bald wird man unsere Forderungen nicht mehr ignorieren können, ‚Nie wieder sinnlose Produkte’, ‚Rationalisierung jetzt!’, ‚Kein Schweiß für Geld’. Von Tokio bis nach San Francisco wird der 2. Mai ein Feiertag werden, soviel steht wohl schon jetzt fest. Doch richtig zufrieden werden wir natürlich erst sein, wenn alle 365 Tage im Jahr Feiertage geworden sind. Is so!

P.S.: Aus Rio erreichten uns leider keine Informationen.

Hasenhelm - Berufswunsch Penner. Kinder finden Armut zunehmend cool.

Die Zahlen des Kinderreports Deutschland 2007sind nach wie vor aktuell. Das Kinderhilfswerk verkündet: 14% aller Kinder müssen dem Bericht zufolge als arm bezeichnet werden. 5,9 Millionen Kinder leben in Haushalten mit einem Jahreseinkommen unter 15.300 €. Jedes dritte Kind weist therapiepflichtige Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten auf. Thomas Krüger, der Präsident des Kinderhilfswerks gibt sich aufgrund der stark gestiegenen Zahlen besorgt. Die meisten Kids aber finden ihre Situation „total groovy“.

Wollten Umfragen zufolge anfangs des Jahrhunderts noch viele Kinder Schauspieler oder „irgend etwas mit Krieg“ werden, so geben nun mehr als die Hälfte der Sechs- bis Zehnjährigen Berufe an, die wenig profitabel erscheinen. Mit 27% an Platz drei einer Liste, die das IKARUS (Institut für Kinderarmut und Sozialabbau) vergangene Woche veröffentlichte, steht nun wieder der gute, alte Lokführer. „Die kriegen nicht viel“, meint Angelina (8) „und arbeiten auch kaum.“ 30% nannten geschlechtlich differenziert als Berufswunsch „Gangsta“ bzw. „Prostituierte“, während der erste Platz mit 34% an „Penner“ ging. „Wie meine Eltern, nur ohne Wohnung“, strahlt Gandalf (7), als er seinen Berufswunsch erläutern soll.

Es ist offensichtlich, dass sich bei den Jüngsten ein neuer Trend durchsetzt. In ist, wer arm ist. Markenklamotten und ausuferndes Konsumverhalten sind für die Kids von heute Schnee von gestern. „Um in der Klassengemeinschaft anerkannt zu werden, sollte man schon aufs Pausenbrot verzichten können“, meint Dr. Rütli, Security-Guard einer Neuköllner Grundschule. „Kleidung aus der Kleidersammlung und ein möglichst heruntergekommenes Elternhaus sind weitere must-haves für trendbewusste Kinder“, weiß der promovierte Schwarzgurtträger. „Manche drängen ihre Eltern zum Drogenkonsum, wenn Freunde zu Besuch sind, oder wenigstens zu einer Schlägerei im Schlafzimmer.“
br> Dabei haben nicht alle Kinder die gleichen Startbedingungen. „Ich hatte einfach Glück“, gibt sich Lale (9) bescheiden. „Als Tochter von Einwanderern, die noch nicht einmal deutsch können, brauchte es nicht viel, um im Klassenverband ganz oben anzukommen. Später gehe ich auf die Hauptschule, dann kann eigentlich nix mehr schief gehen.“

Schwerer haben es da die Kinder von Eltern, die unverschuldet zu Geld gelangt sind und ihren Nachwuchs lieber in einer gesicherten Position, als auf der Straße sehen wollen. Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert. „Früher oder später werden meine Eltern akzeptieren, dass ich nun einmal nicht Rechtsanwalt oder Professor sondern Hartz-IV-Empfänger werden möchte“, äußert sich Marc-Aurel (10) stoisch zu der Situation bei sich zuhause. Er gehört zur wachsenden Zahl der DINKs (Double-Income-Negating-Kids). „Reich sein ist spießig, arm sein ist sexy“ meint auch Anne-Sophie (7) in Anlehnung an ein großes Bürgermeisterwort. Sobald wie möglich will das allein erziehende Kind zweier Eltern aus Charlottenburg in den Wedding ziehen, um dort bei den „richtig coolen Typen abzuhängen“.

„Die Kids sind einfach am Puls der Zeit“, meint Pfarrer Notkerl, der jüngst mit seiner Broschüre „Armut – pro und contra“ auf sich aufmerksam machte. „Sie richten ihre Bedürfnisse ganz instinktiv an der gesellschaftlichen Atmosphäre aus. Wir Großen können von den Kleinen lernen. Wenn wir nicht werden wie sie, gleichen wir Kamelen, die durch ein Nadelöhr wollen. Das Christentum hat die Armut immer verehrt.“
br> Schwierigkeiten könnten jedoch Organisationen wie das Deutsche Kinderhilfswerk machen. Präsident Thomas Krüger sieht in der Kinderarmut keinen Trend sondern ein strukturelles Problem, das sofort mit einem nationalen Pakt bekämpft werden muss. Die Politiker reagierten auch umgehend und beschlossen im Bundestag die Diäten der Abgeordneten um 9,4% zu erhöhen. „Immerhin“, so ein anonym bleiben wollender Volksvertreter, „kommt einiges an Mehrausgaben auf die Besserverdienenden zu: Kameras, Stacheldraht, Tretminen, Kampfhunde, Wärter. Wenn in ein paar Jahren der ganze Rotz vor der Tür steht, sollte man gewappnet sein.“


Lea Streisand - Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause.

Vor zehn Jahren hatte mein Vater mal was mit einer LBS- Frau. Da hat er für alle seine Kinder Bausparverträge abgeschlossen. Die Zahlungen sind längst eingestellt, aber das Geld liegt da irgendwo rum und ehe es einstaubt, kann ich es doch nehmen und mein Konto gesund füttern, wo ich grad meinen Idiotenjob verloren habe. Hab ich mir gedacht und einen Termin gemacht.

„Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause“ steht über dem Eingang des kleinen Ladens in der Wollankstraße. Ein Kommandozentralenschreibtisch beherrscht die Mitte des Raumes. Ein verschüchterter dünner Junge zittert dahinter über einem Bogen Papier, während der Chef ihm böse über die Schulter blickt. Als ich den Laden betrete, fährt der Junge wie angestochen vom Sitz hoch und verschwindet im Hinterzimmer. Der Chef metamorphosiert sein Gesicht zu dem breitesten Showmaster-Grinsen, das ich je gesehen habe.
br> „Guten Tag, ich möchte meinen Bausparvertrag kündigen“, sage ich und „Wir hatten einen Termin.“ Das klingt professionell. Der Chef macht eine Geste, die wohl einladend wirken soll, in Richtung eines Stuhles vor der Kommandozentrale und lässt sich selbst in einem riesigen Lederdrehchefsessel dahinter nieder. „Gregor Müritz“ steht auf der kleinen Plakette am schwarzen Revers, in Druckbuchstaben, die wie gemauert wirken, daneben leuchtet ein Schlips in türkis und orange. Es soll wohl flippig aussehen: Das letzte bisschen Individualität, das ein Bürohengst sich leisten darf. Bestimmt hat er einen Schlafanzug in denselben Farben.

Vor Gregor Müritz auf dem Tisch liegt das Formular, das der dünne Junge wohl gerade mit krakeliger Handschrift ausgefüllt hat. Ich kann ein S am Anfang des Nachnamens und einen sehr kurzen Vornamen erkennen. Mit einer akkuraten Handbewegung schiebt der Chef das Papier ein Stück von sich weg. Gregor Müritz lässt sich Zeit. Eine halbe Stunde ist eingeplant, wohl, um mich doch noch von den Vorzügen des Bausparens zu überzeugen. „Wollen Sie nicht auch mal Spießer werden, wenn sie groß sind?“ könnte er fragen, doch stattdessen: „Sie studieren also. Was studieren sie denn?“ Wir beide hatten gestern erst telefoniert und mit der Frage signalisiert er mir, dass ich für ihn nicht nur eine gesichtslose Kundin von vielen bin, sondern ein Individuum, eins mit einem S am Anfang und einem sehr kurzen Vornamen. „Was Brotloses!“ gebe ich zur Antwort. Menschen, die einer angeblich sinnvollen Tätigkeit nachgehen, wie Physiotherapeuten, Informatiker oder eben LBS-Bezirksleiter, halten einem früher oder später immer vor, man hätte ja auch einen zukunftsträchtigeren Studiengang als die Kombination Neuere deutsche Literatur und Skandinavistik wählen können. Wenn man denen dann noch erzählt, dass man als Autorin sein Geld verdienen möchte, halten sie einen für komplett geistesgestört. Doch er beharrt auf der Information und ich gebe nach. Er lächelt vielsagend. Ich weiß überhaupt nicht, was es da zu lächeln gibt! „Aber Sie könnten sich doch mit dem Geld ein schönes Ferienhäuschen in Norwegen kaufen!“ sagt er, „Und dann schön zweimal im Jahr in Urlaub fahren!“ „Mit den paar Kröten!“ erwidere ich, „Das reicht in Norwegen nicht mal für die Türklinke zum Häuschen, geschweige denn für Urlaub!“

Herr Müritz lehnt sich zurück und setzt wieder sein komisches Lächeln auf. Er mustert mich. Mit einem Musterlächeln. Ein Mustermann. Es ist kalt hier drin. Ich ziehe die ausgeleierten Ärmel meines Wollpullovers bis über die Fingerknöchel. Eigentlich ist es gar nicht mein Pullover, sondern der von Paul. Paul ist mein Freund. Und Paul kennt sich mit Waschmaschinen immer noch nicht so gut aus, dass er weiß, dass man Wolle nicht bei 40 Grad und mit Schleuderprogramm wäscht. Deswegen ist das jetzt mein Pullover. Der Mustermann lächelt immer noch. „Ach wissen Sie,“ sagt er und hängt einen Arm lässig über die Lehne seines Lederdrehchefsessels, „Wissen sie,“ sagt er, „Mit Ihnen könnte ich mir ja auch vorstellen in Urlaub zu fahren!“ Bumm! Ich glaub, ich war kurz draußen. Was hat der eben gesagt?! Vielleicht hat er mir die Frage angesehen, eher scheint er jedoch in den Anblick meines Pullovers versunken – Pauls Pullovers! „Ja,“ sagt Gregor Müritz fast schwärmerisch, „wie sie eben so mädchenhaft den Ärmel über die Hand gezogen haben“ – Mädchenhaft! Ich bin fast dreißig! – „Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie sie dann im Sonnenuntergang auf der Terrasse sitzen, die Haare natürlich offen, und sich die kalten Hände an einer Tasse Milchkaffee wärmen...“ Jetzt ist er definitiv nicht mehr mit dem Pullover beschäftigt, sondern mit dem Leib darunter – meinem Leib! Ich muss gleich kotzen. Aber hier geht es immerhin um Geld. Denn die paar Kröten würden zwar in Norwegen für keine Türklinke reichen, doch in Berlin kann man davon, wenn man sich ordentlich zusammenreißt, drei oder vier Monate leben. Er hat es, ich brauch es. Und Paul hat gesagt, die Hand, die einen füttert, soll man nicht beißen. Paul sagt auch, dass ich in meinen Idiotenjobs einfach mal die Klappe halten soll. „Aber das ist Sklaverei!“ hab ich mich entrüstet. „Die Leute schuften in diesen Studentenjobs bis zu vierzig Stunden die Woche für fünf Euro die Stunde, du wirst nur angeschissen und am Ende grundlos gefeuert!“ Da hat Paul gegrinst und geantwortet: „Wir haben uns 89 dafür entschieden, dafür sind wir auf die Straße gegangen, jetzt müssen wir damit klarkommen, so ist das eben, hör auf zu heulen!“ Er hat ja Recht. Paul ist drei Jahre jünger, aber manchmal so viel klüger als ich und er hat zumindest was gelernt und manchmal sogar richtige Arbeit. Paul hat auch gesagt, ich soll doch den Bausparvertrag kündigen. „Sonst kriegst du nachher nämlich auch kein HartzIV!“ Genau, denke ich, man muss an die Zukunft denken, da darf man die Hand nicht beißen, die einen füttert, auch wenn sie einem gerade an die Wäsche will. Wir sind schließlich alle aus Fleisch und Blut, vielleicht hatte Gregor Müritz schon lange keinen Sex mehr. Wer weiß, für wie viele Kinder er Bausparverträge abgeschlossen hat.

Deshalb reiße ich mich zusammen, schlucke die Kotze runter und antworte vage: „Wenn Sie bezahlen?!“

Gregor Müritz lockert seine Krawatte, die aus irgendeinem Grund plötzlich aussieht wie ein riesiger bunter Penis. Ich will mir nicht ausmahlen, was er sich heute Abend im Bett vorstellt, wenn seine Frau sich von ihm weggedreht und das Licht ausgemacht hat. Wenn er dann dort liegt in seinem Pyjama in türkis und orange - Vielleicht muss er sogar auf dem Sofa schlafen! - und dann geht die Hand, die mich jetzt lieber anfassen als füttern würde hinein in die Untiefen der Hose... „Aber Sie würden doch nicht nur wegen meines Geldes mit mir in Urlaub fahren!“ sagt Gregor Müritz und lächelt ein bisschen vorwurfsvoll. „Nein“, rufe ich, „natürlich nicht nur wegen ihres Geldes. Das Geld ist mir total egal! Ich möchte nur mit ihnen in Urlaub fahren wegen ihres mächtigen Gemächts!“



Hasenhelm - Die Lohnformel - Warum wir verdienen, was wir verdienen.

Arbeitsminister Franz Müntefering (67, SPD) legt letzten Sommer ein Konzept vor, das die Bezüge von Geringverdienern um bis zu 20% steigern soll. Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, wirbt unablässig für das Modell eines allgemeinen Grundeinkommens. Menschen aller politischen Lager diskutieren verstärkt über Lohngerechtigkeit. Wir fragten einen der einflussreichsten europäischen Wirtschaftswissenschaftler: Wie entstehen eigentlich unsere Löhne?

A. Neft: Wie entstehen eigentlich unsere Löhne?
Adam Schmitz: Früher wurde versucht, Menschen nach dem Leistungsprinzip zu entlohnen. Wer richtig viel geschuftet hat, zum Beispiel als Fabrikarbeiter, hat auch sehr viel Geld bekommen, wer stattdessen im Büro saß und Kaffee trank, musste sich mit weniger zufrieden geben. Heute ist das nur noch in der dritten Welt so.
A. Neft: Aber...
Adam Schmitz: Heute ist der Lohn von der Leistung entkoppelt und es gibt endlich eine Formel, anhand derer sich das richtige Gehalt jedes arbeitenden Menschen kinderleicht errechnen lässt. Die Formel passt auf einen Bierdeckel, wird aber der komplexen Realität vollauf gerecht.
A. Neft: Tatsächlich? Wie lautet diese Formel?
Adam Schmitz: Drohpotenzial + wirtschaftlicher Erfolg + Promifaktor x eingebildeter sozialer Nutzen
Verfügbarkeit + tatsächlicher sozialer Nutzen
A. Neft: Interessant. Könnten Sie das anhand eines Beispiels erläutern?
Adam Schmitz: Gerne. Neben wir einen Frisör-Gesellen. Sein Potenzial mit dem Ausfall seiner Arbeit zu drohen, liegt auf einer Skala von 1 bis 10 bei 1. Für so einen Schnippler finden Sie in jeder Männerdisko Ersatz. Nehmen wir an, sein Unternehmen ist mäßig erfolgreich. Also Faktor 5. Der Promifaktor liegt im Handwerk in der Regel bei 1. Der eingebildete soziale Nutzen wird bei Frisören mit 2 am besten erfasst. Diese Menschen fühlen sich wertlos. Grund dafür ist ihr geringes Einkommen und ihre Verfügbarkeit von 10. Für den tatsächlichen sozialen Nutzen veranschlagen wir 8. Ergibt 14 durch 18, also 0,77. Das sind dann 7, 70 € die Stunde. Brutto.
A. Neft: Viele Frisöre bekommen aber weniger.
Adam Schmitz: Durchaus. Da ist dann das Unternehmen weniger erfolgreich. Außerdem müssen Sie die Formel noch ergänzen: - 25% für Frauen und - 28% für Ostdeutsche beiderlei Geschlechts.
A. Neft: Aber ist es nicht ungerecht, dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten als Männer?
Adam Schmitz: Keineswegs. Frauen sind statistisch gesehen kleiner als Männer, brauchen also weniger Lebensmittel und Wohnraum. Rund 30% weniger. Die 25% sind also bereits ein Zugeständnis an das Frauenrechtlertum.
A. Neft: Das klingt nicht überzeugend.
Adam Schmitz: So? Ist es etwa gerecht, dass Frauen im Schnitt fünf Jahre länger leben? Da fordert ja auch niemand einen männerbewussten Lebenszeitausgleich. A. Neft: Kommen wir noch einmal auf die Formel zurück. Wie errechnen sich denn die einzelnen Faktoren, z.B. Drohpotenzial? Adam Schmitz: Bei Angestellten legt das der Chef fest. Unternehmer geben sich selbst die Werte. Wie sonst glauben Sie könnte ein DaimlerChrysler Manager das Vierhundertfache seiner Angestellten verdienen? Lediglich „Verfügbarkeit“ und „sozialer Nutzen“ legen die Agenturen für Arbeit fest. Allerdings ist deren Kriterienkatalog noch nicht ganz ausgereift.
A. Neft: Aber wenn Menschen die Faktoren der Formel willkürlich festlegen können, dann macht sie doch überhaupt keinen Sinn. Adam Schmitz: Aber sie funktioniert! Schauen Sie sich um. Sozialarbeiter und Altenpflegerinnen sind ein hervorragendes Beispiel. A. Neft: Wie bitte? Diese Berufe werden erschreckend niedrig entlohnt.
Adam Schmitz: Und zu Recht! Gewaltbereite Jugendliche zu betreuen oder verarmten Senioren die Windeln zu wechseln, ist doch bereits ein Lohn in sich. Viele Manager träumen davon, sich einmal als Streetworker der ganzen sozialen Drift anzunehmen, die im Laufe der Zeit so angeschwemmt wird. Ein gutes Gewissen ist nicht mit Gold aufzuwiegen.
A. Neft: Was sagen denn Politiker zu dieser Formel?
Adam Schmitz: Westerwelle nannte sie liebevoll die normative Kraft des Praktischen, Oskar Lafontaine fand sie gut, gab jedoch zu verstehen, man müsse für alle außer ihn Nenner und Zähler vertauschen, Kurt Beck zeigte sich desinteressiert, weil die SPD für soziale Fragen nicht mehr zuständig sei und Markus Söder will sich die Formel von seinem Gesichtsschwager Jörg Haider noch telepathisch aus dem Jenseits erklären lassen.
A. Neft: Aber diese Formel ist doch ein von Menschen gemachter Unfug, der bei nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung zu Frustration und Angst führt.
Adam Schmitz: Jaja. So etwas lehren Wirrköpfe wie dieser Walter Palatschinke am Peter-Pit-Liebmann-Institut für Moralische Wirtschaft und Verbaldiarrhö. Hinter der Formel steckt ein von Gott gegebenes Naturgesetz. Es wirkt mit unsichtbarer Hand. Wir mussten es nur erst einmal entdecken. Griffig gesagt: Je gieriger der Einzelne, desto besser für alle. Zwingende Logik, will ich meinen.
A. Neft: Eine abschließende Frage: Was halten Sie im Umgang mit der deutschen Lohnpolitik für das größere Problem – Unwissenheit oder Gleichgültigkeit?
Adam Schmitz: Keine Ahnung, ist mir aber auch egal.


Lea Streisand - Arbeit macht freigestellt!

Wir schreiben das Jahr 007. Ein Haufen Agenten steht auf der Straße. Das Callcenter, in dem sie bis gestern gearbeitet haben, hat seinem größten Arbeitgeber gekündigt. Fristlos. Weil der Arbeitgeber sich lieber ein eigenes Callcenter aufgebauen möchte – mit zwei ehemaligen Mitgliedern der hiesigen Geschäftsführung – aber ohne uns. Verstehen muss man das nicht. Auf jeden Fall sind nun sind sechzig studentische und zehn feste Mitarbeiter arbeitslos – nein, freigestellt. „Was heißt denn das: freigestellt?“ fragt Katja und rührt in ihrem Kaffeegetränk. Eigentlich dürfen wir keine gefüllten Tassen mit nach unten nehmen, weil das Flecken auf der Treppe macht. Am Platz durfte man auch keinen Kaffee trinken und Saft auch nicht, nur Wasser. Wegen der Technik. „Aber ob ich nun Wasser oder Apfelsaft in den Computer schütte, ist doch dann auch egal,“ hab ich immer argumentiert. Ich habe sogar angeboten, nur Apfelschorle zu trinken, die ist schließlich zur Hälfte aus Wasser. Rauchen durften wir schon seit einem Jahr nur noch draußen. Hannes zieht an seiner Zigarette: „Freigestellt“, siniert er, „Klingt irgendwie nach offener Beziehung: Statt Schluß zu machen, darf nun jeder mit jedem ins Bett“. „Bis einer schwanger wird“ ergänzt Katja.

Ich erinnere mich an ein schriftliches Streitgespräch zwecks Unterhaltszahlungen mit meinem nächsten männlichen Vorfahren. Er: Du bist jung, stark und schön. Du kannst Geld verdienen. Ich: Auf der Oranienburger nehmen sie auch nicht mehr jeden. Er: Du hast doch den Bausparvertrag. Was ist mit dem Arbeitgeberanteil? Ich: Keine Ahnung. Die Lesebühnen, das Callcenter? Oder die Uni? Ich zahl nicht mal Steuern. Er: Schick mir eine Aufstellung deiner Einnahmen und Ausgaben, dann können wir über einen Kredit reden. Auch kleine Kommunen müssen sich Prüfungen gefallen lassen. Ich: Ich bin keine Kommune, ich bin deine Tochter.

Mündliche Anweisung des weiblichen Gegenparts, nach wiederholter Geldübergabe: „Mach dein Studium fertig, damit du endlich Hartz vier beantragen kannst.“

Hannes hat aufgeraucht. Wir stehen immer noch rum. Im Schatten der Firma, die uns verstoßen hat. Telefonnummern werden ausgetauscht. Falls wir uns nicht mehr sehen. „Ich hasse Veränderungen“, seufzt Katja. Jemand sagt, dass die Betriebsversammlung in zehn Minuten weitergeht. Dann käme auch die Chefin. Sie müsse nur noch ihrem Sohn bei den Schularbeiten helfen. Wir rauchen noch eine. Ich wandere ein wenig umher. Die Argumentationslinien in den einzelnen Grüppchen teieln sich in drei Lager:

1. Wir arbeiten einfach in anderen Projekten. 2. Nächste Woche hat sich alles geklärt und wir machen den Job weiter. 3. Wir werden alle verhungern. Ich bin ein wenig stolz, dass ich grade zum zweiten Mal in zwei Wochen meinen Job verloren hab. Und dann noch denselben. Das muss mir erst mal einer nachmachen. Die Premiere war kurz vor Weihnachten. Erstaunt darüber, keine Arbeitszeiten mehr zu bekommen, sah ich mich der Projektleiterin gegenüber sitzen. „Wir haben nicht vor, dich weiter in dem Projekt zu beschäftigen“, sagte sie. Es ist immer beeindruckend, wenn Werktätige ihren Beruf zur Identität machen, ihre Seele in den Firmenhimmel eingeht und sie von sich selbst nur noch in der Mehrzahl reden. Etwas ähnliches muss Horst Köhler bei seiner „Du bist Deutschland!“-Kampagne vorgeschwebt haben. Der Plural vor mir sah mich mit Eisaugen an, die knöchernen Schultern zusammengezogen ob ihrer inneren kapitalistischen Kälte. In Gegenwart dieses kleinen, zerbrechlichen Eiszapfens komme ich mir immer vor wie ein übergewichtiger Walfisch. „Du bist diesen Monat fast jeden Tag zu spät gekommen, du machst die längsten Pausen von allen und letzten Samstag hast du schon wieder eine Frühschicht abgesagt.“ Sie holte kurz Luft. „Weißt du eigentlich was das fürt unsere Quote heißt?“

Ich wog die Verteidigungsstrategien. 1. Ich kann nichts dafür, dass ich zu spät komme, das liegt bei uns in der Familie, frag meine Tante. 2. Ich bin doch Künstler. Da muss man so sein. Das heißt genial. Oder weltfremd. Der arme Poet, verstehste, Spitzweg, und so. Und wenn ich bis sechs Uhr morgens an einem schlecht bezahlten Artikel scheibe, kann ich nicht eine Stunde später am Telefon cholerische Kunden ruhigstellen. 3. Das mit den Pausenkarten war nicht meine Idee. In Multitasking bin ich eine Niete. Ich kann nicht gleichzeitig Rauchen, Kaffee trinken, Essen und aufs Klo gehen. Vor allem nicht in fünf Minuten. Ich hatte ja schon vorgeschlagen, Toilettenkarten zu verteilen: gelb für Pipi, bei Blasenentzündung orange und wer Durchfall hat, kriegt die braune, der darf drei Minuten länger.

Eins und drei schieden gleich aus. Humorlosigkeit ist oberstes Einstellungskriterium in ihrer Position. „Dann musst du eben mit dem Schreiben aufhören,“ sagte der Eiszapfen, „Wir erwarten von unseren Mitarbeitern Engagement und Verantwortungsgefühl für das Unternehmen.“ Ich unterdrückte den Brechreiz und konnte das Eis immerhin zu einem erneuten Gespräch im Januar erweichen. Eine Woche später erhielt ich eine Abmahnung – schön gedruckt auf Firmenpapier, mit Logo und Unterschrift - und war wieder drin. Um nun kollektiv aus dem Kollektiv zu fliegen.

„Und was machen wir nun?“ Ich bin wieder bei Katja und Hannes angekommen. „Geld sparen“, sagt letzterer und verbrennt sich die Finger bei dem Versuch, auch den Filter aufzurauchen. „Wir können alle zusammen ziehen“, schlage ich vor, „mit Ofenheizung, das ist billiger. In den Mülltonnen, die hinter Kaufhallen stehen, findet man manchmal Brot, das nur halb verschimmelt ist und Joghurt mit abgelaufenem Verfallsdatum“. Die beiden starren mich an. „Der ist noch sehr anständig!“ bekräftige ich. „Alte Gurken kann man anbraten. Mit Salz und Pfeffer eine volle Mahlzeit.“ Katja hat plötzlich Tränen in den Augen. Ich bremse mich und schlinge ihr mütterlich den Arm um den Hals: „So schlimm wird’s schon nicht werden“.

„Na“, eine junge Frau ist zu uns getreten. Die Stimme zittert, aus Rehaugen blickt sie unter ihrer Kapuze hervor. Der Eiszapfen! Madame sieht ziemlich bedröppelt aus. Man kann es ihr nicht verdenken, immerhin hat auch sie heute ihren Job verloren, einen Vollzeitjob. Mit festen Arbeitszeiten und richtigem Gehalt. Mit Steuern zahlen. Ich knuffe ihr zärtlich in die Seite: „Mach dir nichts draus!“ gurre ich, „Beim zweiten Mal gewöhnt man sich dran“.



Home